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Brennpunkt Stadthalle: Und täglich grüßt das Gutachten

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Seit Jahren werden Konzepte für die Zukunft der Stadthalle diskutiert. Eine Entscheidung lässt indes auf sich warten.

Wer heute vor der Stadthalle steht, sieht auf den ersten Blick ein Veranstaltungsgebäude wie viele andere. Wer hinter die Kulissen blickt, erkennt einen Sanierungsfall. Der 1974 für bis zu 5.500 Gäste gebaute Veranstaltungstempel strotzt vor Mängeln. Brandschutz und Haustechnik sind veraltet, die Betriebserlaubnis wurde nur noch unter strengen Auflagen bis Ende 2027 verlängert. Maximal 1.800 Besucher dürfen gleichzeitig in die Halle, Alkoholausschank und Pyrotechnik sind stark eingeschränkt oder sogar untersagt. Alle Beteiligten sind sich einig, dass gehandelt werden muss. Nur nicht darüber, wie.

Die undendliche Debatte

Kaum ein Bauprojekt (mit Ausnahme von Hafentunnel und NOVO) hat in den vergangenen Jahren so viele neue und kreative Zahlen generiert wie die Stadthalle. Ursprünglich, noch in Vor-Corona-Zeiten, wurde nach damals schon jahrelangen Gutachten und Planungen ein Neubau beschlossen. Dann galoppierten die Kostenschätzungen davon. 2024 sollte eine Sanierung bei laufendem Betrieb für 40 Millionen Euro der günstigste Weg sein, mittlerweile wurden Kosten von rund 60 Millionen Euro dafür genannt. Ein Neubau galt mit 70 bis 100 Millionen als noch teurer und war damit praktisch vom Tisch. Doch im vergangenen Frühjahr sorgte ein neues Gutachten für Furore. Demnach könnte ein kompletter Neubau jetzt rund 20 Millionen Euro günstiger sein als eine umfassende Sanierung des bestehenden Gebäudes. Was gerade noch als unbezahlbar galt, erscheint plötzlich wieder attraktiv.

Viele Bremerhavener fühlen sich inzwischen eher an die Volksfront von Judäa in Monty Pythons „Leben des Brian“ erinnert. Es wird endlos geplant, gerechnet und vor allem diskutiert – aber keine endgültige Entscheidung getroffen.

The Show must go … woanders

Die Folgen der Hängepartie sind spürbar. Große Konzert- und Showproduktionen planen ihre Tourneen oft zwei Jahre oder länger im Voraus. „Frühzeitige Planungssicherheit ist insbesondere in der Veranstaltungsbranche wichtig, um programmatische Vielfalt zu gewährleisten“, erklärte Bürgermeister Torsten Neuhoff im Frühjahr 2026 in einer Pressemitteilung zum Sachstand. Er leitet die Stadthalle kommissarisch, seit Othmar Gimpel im vergangenen Jahr frühzeitig seinen Vertrag auflöste. Der war von 2020 bis 2025 Stadthallen-Chef und hatte sich für einen Neubau eingesetzt. Gleichzeitig weiß heute niemand, ob die Stadthalle nach 2027 überhaupt noch genutzt werden kann. Für viele Veranstalter ist das ein unkalkulierbares Risiko. Das macht sich längst auch im Programm bemerkbar. Stars, die vor 20 Jahren noch ganz selbstverständlich in die Stadthalle kamen, spielten in den letzten Jahren gar nicht mehr hier oder nur noch Open Air auf dem Wilhelm-Kaisen-Platz.

Währenddessen altert das Gebäude weiter. Reparaturen und Betrieb werden teurer, Baukosten steigen, neue technische Probleme kommen hinzu. Immer wieder fragen verschiedene Parteien in der Stadtverordnetenversammlung nach dem Planungsstand. Und immer wieder verschiebt sich der Stichtag. Auf eine Anfrage aus dem November 2025 hieß es seitens des Magistrats, dass im ersten Quartal 2026 eine „entscheidungsreife Vorlage“ verhandelt werden solle. Auf eine weitere Nachfrage aus dem April 2026 antwortete die Stadtkämmerei: Es seien noch zusätzliche Informationen für einen möglichen Sanierungsauftrag nötig, beraten werden solle darüber im dritten Quartal 2026. Jede vertagte Entscheidung macht die Situation schwieriger.

Kompromiss on Ice

Zwischenzeitlich werden sogar ganz andere Lösungen diskutiert. Eine davon: Die benachbarte Eisarena könnte zu einer modernen Mehrzweckhalle für Sport, Konzerte und Veranstaltungen ausgebaut werden. Daneben wäre dann Platz für einen preiswerten Zweckbau mit einer zweiten Eisfläche, die Nachwuchs- und Damenteams des REV seit langem dringend benötigen. Der Vorschlag klingt sexy, wirft aber neue Fragen auf. Denn dann müssten sich Eishockey, Basketball, Konzerte, Messen und andere Veranstaltungen künftig dieselben Termine teilen – vor allem an den begehrten Wochenenden. Das ist nicht grundsätzlich unmöglich, aber extrem aufwändig.

Zur Sache, Städtchen!

Ob Neubau oder Sanierung, darüber lässt sich streiten. Für beide Wege gibt es gute Argumente. Worüber es allerdings kaum noch Diskussionen geben dürfte: Bremerhaven braucht endlich eine Entscheidung, wenn es nicht zum Kaff mutieren will, dem andere Städte irgendwann kulturell den Rang ablaufen. Die Stadthalle ist zu wichtig für Kultur und Tourismus sowie Sport und Image der Stadt, um wie bisher verbal abgerissen zu werden. Denn die teuerste Lösung dürfte am Ende genau die sein, für die sich Bremerhaven bislang entschieden hat – erstmal weiter diskutieren.

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