Das Großprojekt auf dem Karstadt-Areal soll die Innenstadt beleben. Doch beim Blick auf die Pläne fragen sich manche, wo eigentlich die große Vision geblieben ist.
Wo heute noch die Reste des ehemaligen Karstadt-Gebäudes liegen, soll bis Ende 2029 ein neues Herzstück der Bremerhavener Innenstadt entstehen – wir haben bereits im September 2025 darüber berichtet (hier geht es zum Artikel). Das Projekt NOVO vereint Stadtbibliothek und Jugendherberge unter einem Dach und versteht sich als „Dritter Ort“ – ein Platz zum Lernen, Lesen, Begegnen und Verweilen. Die Politik spricht von einem Jahrhundertprojekt. Die Kritiker stellen dagegen eine einfache Frage: Kann sich Bremerhaven das überhaupt leisten?
Die Idee klingt erstmal überzeugend. Seit dem Ende von Karstadt klafft mitten in der Fußgängerzone eine Wunde. Die Innenstadt kämpft mit Leerständen, sinkender Aufenthaltsqualität und dem Strukturwandel des Einzelhandels. Ein Gebäude, das Besucher anzieht, Bildung mit Tourismus verbindet und neues Leben in die City bringt, erscheint da fast wie eine logische Antwort.
Der ausgewählte Siegerentwurf verspricht viel. Auf sechs Etagen sollen Bibliothek und Jugendherberge entstehen. Geplant sind offene Begegnungsflächen, ein Stadtbalkon und sogar ein Bibliotheksgarten auf dem Dach. Die Verantwortlichen hoffen auf einen Ort, der weit über die Funktionen einer klassischen Bibliothek hinausgeht und Menschen in die Innenstadt lockt.
Und hier kommt die Millionenfrage …
Während die Vision groß ist, werden auch die Fragezeichen größer. Die ursprünglichen Kosten wurden mit rund 75 Millionen Euro angegeben. Inzwischen kursieren deutlich höhere Schätzungen. Aus Fachkreisen ist von rund 90 Millionen Euro Baukosten die Rede. Kritiker weisen darauf hin, dass dabei Finanzierungskosten noch gar nicht vollständig berücksichtigt seien. Rechnet man diese hinzu, könnten die tatsächlichen Gesamtkosten deutlich höher ausfallen.
Besonders kritisch äußert sich der ehemalige städtische Pressesprecher Volker Heigenmooser. Ihm erscheint die öffentliche Darstellung der Finanzierung extrem optimistisch. Zwar muss die Stadt nicht selbst investieren, das macht die Stäwog als Bauherr. Die Mietzahlungen für die Stadtbibliothek werden aber über Jahrzehnte hinweg aus dem städtischen Haushalt kommen.
Tatsächlich geht die Stadt bislang von jährlichen Mehrkosten in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro gegenüber dem heutigen Zustand aus. Kritiker halten jedoch höhere Belastungen für möglich, insbesondere wenn die Baukosten weiter steigen oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich verändern. Allerdings stehen die endgültigen Zahlen noch aus. Die Stäwog will nach Angaben ihres Geschäftsführers Sieghardt Lückehe bis zum Frühjahr 2027 ein belastbares Finanzierungskonzept vorlegen. Erst dann wird klar sein, mit welchen Mietkosten für Stadtbibliothek und Jugendherberge tatsächlich zu rechnen ist – und was das NOVO die Stadt am Ende wirklich kosten wird.

Wo bleibt eigentlich der große Wurf?
Als die ersten Ideen für die Nachnutzung des Karstadt-Areals vorgestellt wurden, galten etwa das Forum in Groningen oder das Dokk1 in Aarhus als Vorbilder – Gebäude, die über ihre Funktion hinaus als architektonische Wahrzeichen gelten, Besucher anziehen und das Stadtbild prägen.
Der nun ausgewählte Entwurf verfolgt einen anderen Ansatz. Das Architektur büro blrm beschreibt sein Konzept als modular und flexibel. Im Laufe der Jahre sollen sich Räume verändern und an neue Bedürfnisse anpassen lassen. Projektleiter Jan Busemeyer spricht von einem Baukastenprinzip.
Gemessen am ursprünglich angekündigten spektakulären Neubeginn für die Innenstadt wirkt der Siegerentwurf vergleichsweise zurückhaltend. Statt eines markanten architektonischen Statements zeigt das vorgestellte Modell ein funktionales Gebäude, das eher durch seine Nutzung als durch seine äußere Erscheinung überzeugen soll.
So wird die Frage laut, ob die Verantwortlichen am Ende der Mut verlassen hat. Sollte ein Projekt dieser Größenordnung nicht auch ein Gebäude hervorbringen, das die Innenstadt so sichtbar verändert, dass es zu einem neuen Wahrzeichen werden kann?
Eine Wette auf die Innenstadt
Andererseits wäre es zu einfach, das Projekt nur auf seine Risiken zu reduzieren. Bremerhaven hat in den vergangenen Jahrzehnten auch gezeigt, dass mutige Investitionen die Stadt verändern können. Die Havenwelten wären ohne große öffentliche Vorleistungen nicht entstanden. Viele Projekte, die heute als Erfolg gelten, wurden anfangs skeptisch betrachtet. Wer nur auf die Kosten schaut, über sieht möglicherweise die langfristigen Chancen für Innenstadt, Tourismus und Bildungsangebote.
Die Frage ist nicht, ob das NOVO Geld kostet. Das wird es, und zwar nicht zu knapp! Entscheidend wird aber sein, ob der Nutzen den Preis rechtfertigt. Bekommen wir einen lebendigen Treffpunkt, der Menschen anzieht und die Innenstadt stärkt? Oder ein architektonisch mäßig ambitioniertes Gebäude, in dessen Betrieb dauerhaft zugebuttert werden muss?
Darauf gibt es naturgemäß jetzt noch keine endgültigen Antworten. Fest steht aber schon: NOVO ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist eine Grundsatzentscheidung darüber, wie Bremerhaven seine Innenstadt in Zukunft versteht. Oder ob es sie je verstanden hat. Genau deshalb lohnt sich die Debatte. Und auch wir werden dranbleiben.

