Deichtalk mit Tanin Azizi, Logan Johnston und Yanive Solomon vom LTS Bremerhaven
Trainingsabend beim LTS Bremerhaven im Speckenbütteler Park. Mit dabei sind drei Spieler, deren Blick gedanklich manchmal über den Atlantik wandert. Yanive Solomon, Tanin Azizi und Logan Johnston sind in verschiedenen Teilen Kanadas aufgewachsen. Ihre Wege haben sie über Trainingsplätze, Turniere und große Hoffnungen bis nach Bremerhaven geführt. Heute spielen sie für die LTS in der Bremen-Liga, suchen ihren Platz im europäischen Fußball – und vielleicht ein Stück Zukunft, das noch nicht festgeschrieben ist.
Während in ihrer Heimat die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft wächst, wirkt für die drei „Fischtown-Canucks“ der Traum von großen Stadien zugleich nah und fern. Hier zählt der nächste Sprint, der nächste Pass, der nächste Trainingsabend.
Ihr kommt aus verschiedenen Teilen Kanadas. Wie hat euch euer Weg nach Bremerhaven geführt?
Logan: Zwei Jahre vor unserem Wechsel nach Deutschland standen wir gemeinsam in einem Team unter Thomas Niendorf. Das ist ein deutscher Trainer, der in Kanada sehr erfolgreich ist und dort auch ein Fußball-Camp betreibt. Er hat uns schließlich den Kontakt zur LTS vermittelt – und so sind wir letzten Sommer nach Bremerhaven gekommen.
Wie hat euch das intensive Trainingsprogramm in Kanada geprägt?
Tanin: Es hat uns zu Erwachsenen geformt. Wir trainierten jeden Morgen und hatten später am Tag noch Sportstunden. Thomas legte großen Wert auf Pünktlichkeit, ein gepflegtes Erscheinungsbild und die Bereitschaft, stets hart zu arbeiten. Es war definitiv eine gute Übergangsphase vom Teenager zum Erwachsenen. Wir bekamen Einblicke in die reale Welt der Fußballvereine und lernten, wie man sein Leben besser gestalten kann.
Was war euer erster Eindruck von Bremerhaven?
Yanive: Als ich ankam, war es überra- schend heiß. Und ich fand die Innenstadt sofort sehr schön. Dieser Eindruck hat sich bis heute eigentlich nicht verändert.
Gab es Momente, in denen ihr dachtet: „Uff, das ist jetzt mal total anders als zuhause“?
Logan: Klar gab es solche Momente. Am auffälligsten waren die körperliche Härte und das hohe Spieltempo auf dem Platz. So etwas sieht man in Kanada nicht oft. Die Spieler waren sehr herzlich. Die meisten sprechen Englisch, daher ist die Kommunikation auf dem Platz kein Pro- blem. Außerdem versuchen wir unser Bestes, Deutsch zu lernen. Insgesamt war es definitiv eine positive Erfahrung.
Wie leicht oder schwer war es, sich im Team und in der Stadt einzuleben?
Tanin: Für mich war es wahrscheinlich am schwierigsten, weil ich zum ersten Mal von zu Hause weg war. Es war anfangs etwas schwierig, mich an die Sprache und die Kultur in Deutschland zu gewöhnen, aber mit der Zeit freute ich mich immer mehr darauf, in Deutschland zu spielen und Teil des Teams zu sein, weil das Fußball- niveau so viel höher war. Ich wusste, dass dies der beste Ort für meine Entwicklung war, und so gewöhnte ich mich nach und nach daran.
Wie würdet ihr den Fußball bei der LTS beschreiben?
Yanive: Das Tempo und die Intensität sind höher als in Kanada. Am Anfang war das eine Herausforderung, aber inzwischen habe ich mich gut daran gewöhnt.
Wie sieht ein typischer Tag in Bremerhaven aus, wenn kein Training ansteht?
Logan: Meist stehen wir auf, frühstücken, gehen ins Fitnessstudio und verbringen Zeit zusammen. Der Verein bietet gute Möglichkeiten zum Trainieren, deshalb gehe ich oft hin. Danach erholen wir uns für die nächste Einheit oder das nächste Spiel oder sehen uns ein bisschen von Bremerhaven an.
Was würdet ihr Besuchern aus Kanada in Bremerhaven zeigen?
Tanin: Zuerst die Innenstadt, den Deich und das Wasser. Und natürlich die Plätze bei der LTS. Die Rasenplätze sind hier viel besser gepflegt als bei uns, wo oft auf Kunstrasen gespielt wird.
Viele Menschen verbinden Kanada eher mit Eishockey als mit Fußball. Kann die Weltmeisterschaft das ändern?
Yanive: Ich denke schon. Eishockey ist zwar sehr wichtig, aber ein großes Turnier bringt viel Aufmerksamkeit und Begeisterung für den Fußball. Das könnte unseren Sport in Nordamerika langfristig weiterbringen.
Spürt ihr schon Vorfreude auf die WM in eurer Heimat?
Yanive: Ja, auf jeden Fall. Es ist etwas Besonderes, dass Kanada wieder dabei ist, bisher haben wir ja nur zweimal teilgenommen. Und ich hoffe natürlich, dass die Mannschaft erfolgreich spielt.

Fühlt sich die WM für euch im Moment weit weg an oder trotzdem nah?
Logan: Es ist allein deshalb schon weit weg, weil Kanada so riesengroß ist. Von Edmonton, wo ich herkomme, sind es zu den nächsten Spielorten immer noch drei Stunden Flugzeit. Aber dass das Turnier im eigenen Land stattfindet, schafft zugleich eine gewisse Nähe.
Wärt ihr während der WM lieber zuhause oder ist es auch spannend, sie aus Europa zu verfolgen?
Logan: Ich plane, in der Sommerpause einen Monat nach Hause zu fliegen. Es wäre schön zu sehen, wie sich die WM auf die Stimmung dort auswirkt.
Was bedeutet es euch persönlich, dass die WM in Kanada ausgetragen wird?
Tanin: Sehr viel. Fußball hat mein Leben stark geprägt. Deshalb ist es schön, die wachsende Leidenschaft zu sehen, zu erleben, wie alle zusammenkommen und Kanada oder ihre Lieblingsmannschaften anfeuern. Ich hoffe, dass sich dadurch die Wahrnehmung von Fußball in Kanada verändern wird.
Träumt ihr davon, selbst einmal für Kanada bei einer WM zu spielen?
Yanive: Ja, das ist einer meiner größten Träume. Ich hoffe, ich kann ich ihn mir erfüllen, bevor ich mit dem Fußballspielen aufhöre.
Logan: Für jeden Fußballer ist es das ultimative Ziel, sein Land bei einer WM zu vertreten. Ich hoffe natürlich auch darauf. Es wäre harte Arbeit dorthin, aber es wäre absolut unglaublich, wenn einer von uns diese Chance bekäme.
Tanin: Ich sehe das genauso. Es wäre wahrscheinlich die größte Ehre im Sport.
Wo seht ihr euch in fünf Jahren?
Logan: Schwer zu sagen. Ich hoffe, mich sportlich weiterzuentwickeln und höhere Ligen zu erreichen, vielleicht irgendwann mal die Dritte Liga. Das wäre schon super. Vielleicht zieht es mich aber auch irgendwann zurück nach Kanada.
Yanive: Ich setze mir bewusst hohe Ziele und möchte in Europa so weit kommen, wie ich kann und wie mein Körper es zulässt. Ich will nicht sagen, Bundesliga oder Zweite Liga, das wäre unrealistisch. Aber mein Ziel ist, mich fußballerisch so weit zu entwickeln wie möglich.
Tanin: Fußball beeinflusst mein ganzes Leben positiv – meine Gesundheit, meine Persönlichkeit. Das will ich den Sport zurückgeben und mich so weit entwickeln wie es geht. Wo ich in fünf Jahren spiele, weiß ich noch nicht – Europa, Kanada oder die USA wären alles Optionen.
Tanin, Yanive & Logan: kurz & knapp
Meine Stärken
Tanin: Defensive
Yanive: Dribbling
Logan: Schnelligkeit
Meine Schwächen
Tanin: schwacher Fuß
Yanive: Zweikämpfe
Logan: Konstanz
Mein Vorbild
Tanin: Cristiano Ronaldo
Yanive: Marcus Rashford
Logan: Ich habe eigentlich keins
Das mag ich besonders an Bremerhaven
Alle drei: die Menschen, die kulturelle Vielfalt – und ganz pragmatisch auch das große Angebot in den Supermärkten
Was ich unbedingt noch machen will
Alle drei: Einmal das Bremer Pokalfinale erreichen – und am liebsten mit der LTS gewinnen

