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Sie gehört zu den Menschen, die jeden Laien in Sekunden mit ihrer Begeisterung für die verborgene Unterwasserwelt und das Forschen im Eis begeistern kann. Prof. Dr. Antje Boetius macht Wissenschaft greifbar und hat dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) als langjährige Direktorin großes Ansehen und Popularität verliehen – international, national und in der Seestadt selbst. Mit ihrer positiven Ausstrahlung und Medienpräsenz setzt sich die Meeresbiologin zudem eindrucksvoll für Meeres- und Klimaschutz ein. In wenigen Wochen verlässt sie Bremerhaven, um ihre neue Position als Präsidentin am Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) in Kalifornien anzutreten. Trotz ihres vollen Terminkalenders nahm sich Antje Boetius Zeit für einen Deich-Talk mit der MOIN-Redaktion.

Viele Wissenschaftler arbeiten in einem sprichwörtlichen Elfenbeinturm, ohne Bezug zu den Menschen. Wo liegen Ihre Prioritäten, Frau Boetius?

Als Wissenschaftler hat man nicht nur die Aufgabe, neues Wissen zu schaffen, sondern auch auf Risiken hinzuweisen, vor denen wir Menschen stehen. Mir war es immer ein Anliegen, unser Wissen am AWI aus Polar- und Meeresforschung so schnell und direkt wie möglich unter die Bevölkerung zu bringen, damit sie bessere Entscheidungsgrundlagen haben.

Was ist der größte Erfolg des AWIs während Ihrer Amtszeit als Direktorin?

Unser Erfolg am AWI ist, die polare Perspektive in den großen Berichten und Beratungen der Wissenschaft – zum Beispiel bei den Klima- und Ozeankonferenzen der Vereinten Nationen – einzubringen. In den letzten Jahren haben wir die internationale Zusammenarbeit enorm gestärkt. Nach der MOSAiC-Expedition, der größten arktischen Driftexpedition in der Nordpolregion, planen wir weitere große Missionen, vor allem auch eine für die Antarktis. Das ist ein großer Erfolg, dass dem AWI hier so viel Führung zugetraut wird.

Forschung und auch Wissenschaftskommunikation und speziell Politikberatung ist aber nichts, was man allein macht. Es ist Teamarbeit. Viele Expertinnen und Experten arbeiten zusammen. Daher ist jeder Erfolg einer von vielen, nicht nur meiner.

Läuft die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bremerhaven und dem AWI gut?

Sehr gut. Bremerhaven hat es ja nicht leicht, und während alles sonst knapp ist wie Fördermittel und Wachstumsperspektiven, so gibt es Freundlichkeit und Zusammenarbeit in Hülle und Fülle. Sei es der Bundestagsabgeordnete Uwe Schmidt, der sich so fürs AWI einsetzt, oder der Bürgermeister oder der Rektor der Hochschule. Zusammenarbeit ist ein Highlight, zum Beispiel wenn wir mit den tollen Museen zusammenarbeiten wie Auswandererhaus, Deutsches Schifffahrtsmuseum, Zoo am Meer und Klimahaus Bremerhaven. Nicht zu vergessen das Stadttheater Bremerhaven, Schaufenster Fischereihafen und andere Attraktionen, die Industrie- und Handelskammer sowie verschiedene Wissenschafts- und Förderkreise. Wir sprechen oft darüber, was wir zusammen auf die Beine stellen könnten.

Sprengt das nicht das Aufgabengebiet des Alfred-Wegener-Instituts?

Ich wünschte, wir könnten noch viel mehr beitragen zur Stadtentwicklung. Es wäre toll, wenn wir gerade hier an der Küste noch mehr Vorbildcharakter für die Nachhaltigkeitsziele im Alltag hinbekämen, auch mehr in Bau und Sanierung sowie gemeinsame Infrastrukturen investieren könnten. Aber es ist auch so schon einiges in dieser Richtung passiert. Zum Beispiel hat der Bürgermeister den Ausbau des Nordcampus rund ums Technikum unterstützt und die dort ansässigen Fischverarbeitungsunternehmen die Bereitstellung von Bürogebäuden.

Welche Aufgaben haben Sie noch am AWI zu erledigen, bevor Sie Ihren Posten abgeben?

Was meinen Direktorinnen-Job angeht: Das AWI wird wie alle Helmholtz-Zentren alle sieben Jahre von internationalen Gutachtern angeschaut. Sie sollen bewerten, wie wir uns entwickeln und was für die internationale Wissenschaft und die Gesellschaft leisten. Das ist viel Arbeit, die Unterlagen und Vorträge für diese Begutachtung zusammenzutragen. Ziel ist es, die bestmöglichen Bewertungen für unsere Forschung zu erreichen und eine stabile Finanzierung für die nächsten sieben Jahre zu sichern. Das ist viel Teamwork. Es hängen sich alle rein, um das beste Ergebnis zu erzielen. Im Wissenschaftlerinnen-Job ist noch richtig viel auszuwerten von den Arktis-Tiefseeexpeditionen.

Welches Projekt möchten Sie noch zum Abschluss bringen?

Das Wichtigste ist uns ja vor Weihnachten gelungen: Endlich den Auftrag für den Bau des Nachfolgeschiffs für die „Polarstern“ veranlassen zu können. Ein Riesenprojekt und so wichtig für die Welt, weil es beiträgt, uns Erkenntnisse über die Entwicklung der Polarregionen zu geben. Zum Beispiel, wie schnell der Meeresspiegel steigen wird, und wie sich das Meereis und alles Leben, das daran hängt, entwickelt.

Gibt es etwas, das Sie bedauern, nicht geschafft oder erlebt zu haben?

Es gibt einiges: Ich wäre gern viel weiter gewesen mit dem Aufbau der Unterwasserrobotik und hätte gerne eine verlässliche Finanzierung für internationale Meeresbeobachtungsnetzwerke hinbekommen. Es bleibt so wichtig hinzuschauen und zu messen. Denn so einen extremen Wandel in den Meeren hat es zuvor nicht gegeben: von Hitzewellen über Verschmutzung, aber auch positive Entwicklungen wie die steigenden Populationszahlen bei den großen Walen. Wir müssen den Puls des Ozeans messen.

An welche Erlebnisse in Bremerhaven erinnern Sie sich besonders gern, sowohl beruflich als auch privat?

Ich werde nie den tollen Moment vergessen, wie die „Polarstern“ 2020 zurückgekehrt ist, nach über einem Jahr in der Arktis. Das war so toll zu sehen, wie viele Bremerhavener dem Schiff mit Booten entgegengefahren sind. Und auch sonst die vielen Begegnungen mit den Menschen hier vor Ort. Als AWI-Direktorin war ich oft mit Vorträgen unterwegs, oft Zeugin des Lokalstolzes auf unser Institut und auf unsere Ergebnisse.

Es gab auch wirklich schöne Events, besonders berührend der Besuch von Familienvertretern der Willumsens aus Grönland, also des jungen Inuit-Begleiters Alfred Wegeners auf seiner letzten großen Expedition. Wir haben auf Anraten eines kanadischen Mitarbeiters des AWI das Technikum nach der Familie benannt, um ein Zeichen für die Zusammenarbeit auch mit Vertretern indigener Kulturen zu setzen.

Was werden Sie von Bremerhaven vermissen?

Ich glaube, das werde ich so richtig erst merken, wenn ich weg bin und woanders lebe. Im Moment freue ich mich einfach nur auf das, was es zu erleben gibt.

Haben Sie bereits einen festen Wohnsitz in Kalifornien?

Wir suchen gerade, das ist aber schwer aus der Distanz. Vielleicht klappt es noch, etwas zu mieten, aber die Unterkünfte sind so knapp und begehrt, dass man sich richtig bewerben muss, mit Lebenslauf und Referenzen.

Wie gut sind Sie an Ihrem neuen Arbeits- und Wohnumfeld vernetzt? Müssen Sie bei null anfangen?

Ich habe viele Freunde in der Gegend und kenne das Institut ja schon lange. Also starte ich nicht bei null, aber ich werde schon viel neu lernen müssen. Das MBARI hat ein neues Schiff und enorm viel ihrer Unterwasser-Technik muss darauf angepasst werden. Das wird spannend. Und auch die Umgebung gilt es zu erkunden, es hat sich ja auch vor Ort viel verändert, seit ich in Kalifornien gelebt habe.

Auf welche beruflichen Aufgaben freuen Sie sich besonders am MBARI?

Erstmal muss ich von dem jetzigen Direktor und dem Team vor Ort das Alltagsgeschäft und meine neuen Aufgaben lernen. Dann möchte ich so schnell wie möglich aus Amerika heraus die Verbindung schaffen zu unseren großen internationalen Projekten in der Arktis und Antarktis. Das MBARI ist Teil eines Netzwerkes von Stiftungen, die eine wichtige Rolle für Umweltschutz und Meeresforschung spielen, und ich habe mit einigen schon gesprochen: Wir wollen die Zusammenarbeit in der Tiefseeforschung verstärken.

Unter Donald Trumps Führung als US-Präsident wird der globale Klima- und Umweltschutz massiv ausgebremst. Macht Ihnen das Sorgen?

Mir macht vieles Sorgen, was gerade passiert, auch bei uns. Von vielen Akteuren wird über Klima- und Umweltschutz geredet, als ob dieser Luxus wäre, den man sich leisten können muss. Oder als ob alles zu spät wäre. Aber das Gegenteil ist der Fall. Alles, was wir heute tun, bewahrt uns vor immer schneller steigenden Kosten und hilft, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Auch muss man verstehen, dass es in Kalifornien und in den gesamten USA eine riesige Naturschutz-Bewegung und sehr viel privates Engagement gibt, in das der Staat nicht eingreifen kann.

Was kann jeder Einzelne von uns im Alltag tun, um die Meere zu schützen?

Es fängt bei Wissen und Verstehen an, sich interessieren, mit anderen darüber sprechen, was die Rolle des Ozeans für uns alle ist. Auf jeden Fall gilt, dass Klimaschutz auch Meeresschutz ist. Und dass wir Konsumenten wichtige Entscheidungen zu treffen haben, welche Energiequelle wir nutzen, welche Nahrung aus dem Meer, welche Produkte wir kaufen. Welche Materialen genutzt und verwertet werden, zum Beispiel bei Kunststoffverwertung und Müllrecycling. Die Überdüngung, Vergiftung und Vermüllung der Meere sind globale Probleme, bei denen es aber oft auch um lokale Lösungen geht. Nicht zuletzt kann man einfach Gutes tun und Projekte fördern, in denen dem Meer und seiner Lebensvielfalt eine Stimme gegeben wird.

Wie können Unternehmen unter anderem den Meeresschutz stärken?

Zum Beispiel durch Veranstaltungen für Mitarbeiter und Kunden mit Vorträgen über das Meer. Mit Spenden für Klassenfahrten oder Jugendgruppen, um Müll am Strand einzusammeln oder direkt für Meeresschutz-Organisationen. Wir leben zu oft mit dem Rücken zum Meer und würdigen nicht ausreichend, wie sehr es die Lunge der Erde ist, mit unglaublich wundervoller Lebensvielfalt.

Ihr Großvater war Kapitän. Was hat er Ihnen Wichtiges mit auf den Weg gegeben?

Von meinem Großvater habe ich viel über das Leben auf dem Meer gehört. „Fahr zur See und lass dir den Wind um die Nase wehen“, hat er mir immer geraten, und: „Gib dem Zufall eine Chance.“ Er hat sicher die Lust auf die Seefahrt geweckt, mit seiner Begeisterung für seine eigenen Erlebnisse. Aber was mich vor allem in meinem Lebenswerk gestärkt hat, ist die Unterstützung meiner Familie und Freunde. Vor allem aber meiner Mutter für alles, was ich tun wollte.

Am 8. März ist internationaler Weltfrauentag. Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag für Sie?

Am Weltfrauentag denke ich immer zuerst, dass es ein komisches Konzept ist, wenn der Hälfte der Menschheit nur ein einziger Tag gewidmet sein soll (lacht). Im Ernst: Es bleibt ein essenzielles Gerechtigkeitsziel, Barrieren für Frauen abzubauen, sei es durch strukturelle Veränderungen, die Vereinbarkeit von Familie und Karriere oder die Förderung junger Talente.

Bei Ihnen wirkt es so, dass das Frausein nie ein Nachteil für Ihre persönliche Karriere war. Täuscht das?

Im Großen und Ganzen nicht. Allerdings habe ich schon auch schräge Momente erlebt, wo ich merken musste, dass ich aufgrund meines Frauseins – bewusst oder unbewusst – herabgesetzt wurde. Und wie es so vielen geht, dann mehr arbeiten musste, um die gleichen Chancen zu haben.

Prof. Dr. Antje Boetius – Kurz & knapp

Meine Stärken
Phantasie, Neugierde, Empathie, Entscheidungsfreudigkeit

Meine Schwächen
Ungeduld, Unnachgiebigkeit

Mein Lebensmotto
Dem Zufall eine Chance geben.

Das mag ich besonders an Bremerhaven
Das Maritime

Was ich unbedingt noch machen oder sehen will
Auf der neuen „Polarstern“ mitfahren

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