Die Niederdeutsche Bühne Waterkant gehört zu Bremerhaven wie Hein Mück und Leher Hahnentritt. Seit über 100 Jahren gibt es die Plattdeutsche Schauspieltruppe, seit mehr als 50 Jahren führt sie ihre Stücke fest im Kleinen Haus des Stadttheaters auf. Und doch haben viele Bremerhavener sie gar nicht so richtig „auf dem Schirm“. Dat gifft dat ja wohl nich, dachten wir uns da und haben Meike Wiemken und Wolfgang Wellbrock von der „Waterkant“ zum Schnack in die Redaktion eingeladen.
Liebe Meike, lieber Wolfgang, Wat treckt üch an dat plattdüütsche Theater? Und wie seid Ihr zur Niederdeutschen Bühne gekommen?
Wolfgang Wellbrock: Also erstmal macht es einfach viel Spaß. Und dann sind wir halt auch bestrebt, die Plattdeutsche Sprache zu erhalten und weiterzugeben. Und in Verbindung mit Theater und Unterhaltung ist das eine feine Kombination.
Ich kenne das Plattdeutsche Theater von zuhause, meine Eltern haben Platt gesprochen. Ich habe dann vor 45 Jahren in einer Jugendgruppe in Donnern damit angefangen und das hat sich dann so weiterentwickelt. Vor 30 Jahren fing ich dann bei der Niederdeutschen Bühne an. Das war tatsächlich so eine Art Casting. Wir haben vor fünf, sechs Leuten einfach mal ein büschen wat op Platt vertellt und dann hieß es einfach „Wir melden uns.“
Was witzig war: Ich bin als kleiner Junge oft mit meiner Mutter vor dem Stadttheater vorbeigegangen. Da hängen ja die Schaukästen mit Bildern von den aktuellen Stücken und den Schauspielern. Da habe ich zu meiner Mutter gesagt: „Da möchte ich auch mal rein.“ (lacht) Das war einfach so ein Hirngespinst. Aber ein paar Jahre später war ich dann tatsächlich auch da drin.
Meike Wiemken: Ick woar da jümmer bi, ick heb in’n Buuch vonne mudder op de Bühn stohn (lacht). Ich war als kleines Kind schon immer mit zur Probe und war immer begeistert vom Theater. Und es fasziniert mich einfach bis heute. Absolut.
Wie viele Mitglieder hat die Niederdeutsche Bühne?
MW: Wir haben insgesamt 88 Mitglieder, davon sind 42 auf und hinter der Bühne, zum Beispiel als Souffleusen oder Inspizienten, aktiv. Wir brauchen ja nicht nur Darsteller. Und auch die vermeintlich inaktiven Mitglieder haben nicht selten noch eine Funktion, zum Beispiel als Plattdeutsch-Paten. Sie betreuen jüngere und neue Mitglieder, die mit der Sprache noch nicht ganz vertraut sind. Was wir nicht haben, ist Kulissenbau. Da sind wir im Stadttheater schon komplett ausgestattet, was natürlich ein großes Privileg ist.

Plattdeutsch hat ja oft den Ruf, etwas für die Älteren zu sein. Viele denken da noch an die Ohnsorg-Stücke mit Heidi Kabel, die immer dann liefen, wenn wir früher lieber „Wetten Dass“ oder „Disco“ mit Ilja Richter sehen wollten. Ihr habt schon einen Thriller aufgeführt und momentan bringt ihr eine Rock-Revue auf die Bühne. Erreicht Ihr damit auch neue und jüngere Zuschauer?
WW: Das hat sich eigentlich schon in den letzten 20 Jahren so entwickelt, dass wir immer mal andere Stücke als die üblichen Komödien ins Programm nehmen.
MW: Man muss die Zuschauer aber darauf vorbereiten! Sonst sitzen die vor so einem Stück und denken „wat soll denn der Schiet jetzt?“ Aber mit der richtigen Vorbereitung kommt auch das Publikum. Anderes Publikum. Wobei wir mit dem Stadttheater den Vorteil haben, dass die Hochschule gleich nebenan ist. Da gibt es ja schon das Angebot, dass die Absolventen das Theater nutzen können. Außerdem ist der eine oder andere Dozent der Hochschule bei uns im Ehrenamt tätig. Der quatscht die Leute auch mal auf uns mit an. Für die Studenten ist dann interessant, den mal auf der Bühne zu sehen. Und mancher denkt sich „Hm, wenn der das kann, kann ich das vielleicht auch.“
Holt ihr damit interessierte jüngere nicht nur in den Zuschauerraum, sondern selbst auf die Bühne?
MW: Ja, wir bemerken, dass das Interesse an der Sprache wächst, so wie das Interesse an der Arbeit auf und hinter der Bühne. Es dürfte gern noch ein bisschen mehr sein. Was uns zum Beispiel dringend fehlt, sind Männer in allen Altersgruppen. Es wird immer schwieriger, die Stücke zu besetzen. Denn in den Stücken kommen ja immer irgendwie Männer mit vor (beide lachen). Aber die Männlichkeit hält sich da noch deutlich zurück. Da darf hier gerne mal ein Aufruf kommen. Wer auch immer Bock hat: Melden, melden, melden! Man muss nicht unbedingt Platt sprechen können. Dafür haben wir ja unsere Plattdeutsch-Paten und außerdem gibt es ja in vielen Stücken auch immer eine hochdeutsche Rolle.
Was ist an nicht alltäglichen Stücken als nächstes dran?
MW: Im April kommt „Die Physiker“ von Dürrenmatt in Plattdeutsch auf die Bühne. Das wird auch wieder interessant.
WW: April und Frühjahr ist allerdings nicht unbedingt die Haupttheaterzeit. Da muss man schon früh anfangen, den Leuten zu erklären, was man da umsetzt. Dürrenmatt ist dann ja zum Beispiel auch als Stoff in der Schule interessant.
MW: Man kann dem Publikum letztlich nicht in die Köppe gucken, wie es ankommen wird. Es gibt Stoffe, die hier einfach nicht gehen. Und trotzdem werden wir uns immer wieder trauen, auch schwierige Inhalte anzugehen. Einfach, weil wir es können.
Bei drei Aufführungen pro Jahr ist ja auch immer noch Platz für die Komödien …
WM: Vier! Wir spielen drei Stücke im Theater, aber wir sind eine der wenigen Bühnen, die komplett durchspielen und keine Sommerpause haben. Die Sommerspielzeit nutzen wir dann für leichte Kost, bei unseren Sommerabenden im Geestbauernhaus. Da werden vier Sketche gespielt, mit Musik zwischendurch, vorweg gibt etwas zu Trinken und eine Bratwurst auf die Hand… einfach ein unterhaltsamer leichter Abend.
Stellt das Theater besondere Anforderungen bei eurem Programm?
MW: Sehr wenig. Das mag daran liegen, dass wir bei der Auswahl immer relativ gut ins Schwarze treffen. Und daran, dass wir einfach unser Bestes geben. Wie die Profis im Theater stecken wir unser Herzblut da rein, um das Bestmögliche auf die Bühne zu stellen. Da kommt der eine oder andere nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag noch mal zu drei Stunden Probe, dreimal die Woche. Das ist auch eine hohe Leistungsbereitschaft.
WW: Wobei man sagen muss, wenn man in die Probe kommt, ist man sofort in einer anderen Welt. Man legt den Schalter um und diese drei Stunden vergehen wie von selbst. Es ist ja ein Hobby und da ist die die Zeit im Prinzip gar nicht lang genug.

Im Programm des Stadttheaters steht Ihr da ja als Sparte wie alle anderen, nicht an irgendeinem virtuellen „Katzentisch“ …
WW: Es ist auch ein tolles, kollegiales Miteinander. Ob an der Kasse, in der Schneiderei oder in der Maske (wenn wir die nicht gerade selbst machen) und mit den professionellen Schauspielern ist der Umgang nett, offen und zugewandt.
Viele Menschen, so wie ich auch, verstehen Platt zwar ganz gut, sprechen es aber so gut wie nicht. Inwieweit hilft das Theater da bei der Sprachrettung?
WM: Letztlich einfach im alltäglichen Benutzen der Sprache. Vor allem während der Proben. Wenn wir junge Leute und Neulinge dazugewinnen, merken wir auch, wie die in den Proben neugierig werden: „Wo heet dat? Wo mutt ik dat seggen…?“ Für dieses Herankommen an die Sprache, dieses sich trauen, zu fragen – ist unser Theater der richtige Ort.
Martin Kemner vom Stadttheater bietet einmal im Monat Impro auf Platt an, er selbst spricht wenig bis gar kein Platt. Man wi künnt dat jo. Martin leitet das Impro ein und dann kann man sich ausprobieren. Einfach loslegen und wenns nicht ganz passt, schietegol! Trau Dich! Und es macht einen irren Spaß!
WW: Das ist ein tolles Format, das auch uns weiterbringt. Denn Improvisationstalent brauchst du auf der Bühne ja immer mal. Momentan sind wir auch die einzige Niederdeutsche Bühne die mit diesem Format arbeitet.
Wenn Ihr euch was wünschen könntet: Wie schall de Bühn in tien Jahr utsiehn?
WM: Ein Mischmach vieler Menschen: jung alt, Mann, Frau, lang- oder kurzhaarig… schietegol! Menschen, die Lust haben, was auf die Beine zu stellen und einfach Mensch zu sein. Wir wollen alle das Gleiche, und das mit Freundlichkeit und Miteinander.
WW: Und natürlich, dass wir dann auch noch genauso gut aufgestellt sind wie jetzt oder besser. Dass wir weiter im Stadttheater unsere Stücke spielen können, und natürlich gerne mit neuen und jungen Mitstreitern.

