
Dinge, die kaputtgehen, immer wieder neu zu kaufen, geht auf Dauer ins Geld und erzeugt immer mehr Müll. Als Strategie gegen die Wegwerfgesellschaft haben sich überall in Deutschland Repair Cafés etabliert. Auch in Bremerhaven gibt es eins. Wir haben es ausprobiert.
Seit Wochen nervt mich mein Verstärker. Ein Lautsprecherausgang schwächelt. Im Radiobetrieb fällt er hin und wieder aus, wenn ich den Plattenspieler benutze, kommt gar nichts mehr aus der rechten Box. Und der Lautstärkeregler knistert laut bei jedem Aufdrehen. Einen neuen zu kaufen, kommt nicht in Frage. Erstens habe ich, nach allen möglichen Jahresabrechnungen gerade keine Lust, noch mehr Geld auszugeben. Zweitens hänge ich einfach an dem klobigen Marantz-Soundkasten mit seinen Druck- und Drehknöpfen und der garantiert touchscreen-freien Front aus gebürstetem Metall, dessen mindestens zweiter Besitzer ich bin.
Lieblingsstück vom Sperrmüll
Als ich mich 2019 nach 33 Jahren schmerzhaft vom Herzstück meiner allerersten zusammengesparten Stereo-Anlage trennte, fand ich in genau der gleichen Sperrmüllsammlung dieses gute Stück. Das gleiche Fabrikat wie mein Erster, nur noch ein paar Jahre älter. In der Wohnung angeschlossen, lief er einwandfrei. Damit er jetzt nicht enden muss wie sein Vorgänger, führt mich der Weg ins Repair Café der Quartiersmeisterei Alte Bürger.
Ehrenamtliche mit einschlägiger Erfahrung
Als ich gegen Mittag eintreffe, ist gut was los. An dem Whiteboard, vor dem sich alle Besucher anmelden, stehen bereits 30 Namen. An allen vier Tischen im Hauptraum sitzen Kunden mit defekten Gerätschaften, in einem abgetrennten Raum werden textile Problemfälle gelöst. Während ich im Wartebereich Platz und mir einen Kaffee nehme (es heißt ja Repair Cafè), erzählt mir Michaela Schinkmann vom Organisationsteam mehr über das Konzept: Insgesamt 30 Freiwillige arbeiten in Bremerhaven daran mit. Die Reparateure haben oft einschlägige Berufserfahrung und Spezialwerkzeug, das man zuhause eher nicht hat. Eine Erfolgsgarantie gibt es freilich nicht. „Wenn man etwa ein Gerät gar nicht erst öffnen kann, gibt es in der Regel auch keine Chance, es zu reparieren“, sagt Schinkmann.
Inzwischen nimmt sich Wolfgang Wegner meines Verstärkers an. Gemeinsam schrauben wir das Gehäuse auf und er erklärt mir das Innenleben. „Das sieht ja alles noch ganz gut aus“, sagt er. „Es ist nichts abgerissen oder durchgeschmort. Nur Staub hat sich über die Jahre natürlich angesammelt.“ Dem rückt er mit dem Staubsauger zu Leibe und setzt anschließend Kontaktspray an möglichen Schwachstellen wie etwa dem Potentiometer hinter dem Lautstärkeregler ein. „Mehr kann man eigentlich nicht machen“, sagt Wegner. Da ich Lautsprecher und Plattenspieler zuhause gelassen habe, kann ich den Erfolg nicht vor Ort testen.
Ich bin aber zufrieden, lasse eine kleine Spende da und übergebe meinen Platz an Gabriele Karstens, die einen Dyson-Staubsauger mitbringt. Ihr Besuch verläuft auf andere Weise unverhofft: Als sie den Defekt am Staubsauger vorführen will, läuft das Gerät plötzlich einwandfrei und reinigt nebenbei den Teppich rund um den Arbeitstisch.
Alles wird repariert, was transportabel ist
An jedem zweiten Sonnabend im Monat öffnet das Repair Café in der Bürger 190. Repariert wird alles, was transportiert werden kann, aber keine Fahrräder. „Dafür haben wir keinen Raum und das macht auch mehr Schmutz“, sagt Michaela Schinkmann. Generell sollte sauber sein, was repariert werden soll. „Es ist nicht schön, mit versifften Sachen, etwa speckigen Textilien zu arbeiten. Und Großgeräte wären theoretisch möglich, aber versuche hier mal einen Geschirrspüler oder eine Waschmaschine reinzukriegen.“
Mein Besuch im Repair Café erweist sich jedenfalls im Nachhinein als erfolgreich. Zuhause schließe ich den Verstärker wieder an und kann den Rest des Abends ungetrübt und einwandfrei meine alten Platten hören.
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