Unsere schöne Seestadt hat es wieder einmal geschafft, ganz hinten in einem Ranking zu landen: Beim Klimagefahren-Index des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt Bremerhaven den letzten Platz von 71 überprüften Großstädten – ist also am stärksten gefährdet (hier geht es zum Ranking). Dieser Index soll aufzeigen, wie sehr Städte in Deutschland 2050 von Klimagefahren wie Sturm oder Wassermangel bedroht sind. Doch leben wir hier an der Waterkant wirklich gefährlicher? Wir haben nachgehakt.
„Die Küstenlage macht die Stadt anfällig für Sturm, Starkregen und Sturmflut – alles Gefahren mit besonders hohem Scha- densausmaß“, steht in der Studie zum Klimagefahren-Index. Das ist ein Grund für das Abschneiden bei der Studie. Denn dort wurden nur Großstädte ausgewertet, und Bremerhaven ist die einzige Großstadt direkt an der Nordsee. Knapp über Bremerhaven schneiden im Ranking allerdings Mannheim (Platz 70) und Ludwigshafen am Rhein (Platz 69) ab – beides keine Küstenstädte. Auch dort sind die höchsten Gefahren Sturm und Überschwemmung. Denn dafür braucht es nicht unbedingt die Nordsee.
Statistisch gesehen haben Starkregen, Überschwemmungen, Sturm und Hagel in den vergangenen Jahren sogar deutlich mehr Schäden im Süden des Landes verursacht als im Norden. Die meisten gemeldeten Schäden durch Sturm und Hagel pro 1000 Versicherte gab es im Jahr 2024 im Saarland, das Bundesland Bremen folgte erst auf Platz 12. Das geht aus der Statistik des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) hervor. Zusammengerechnet kamen die Bundesländer Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein nicht einmal auf ein Drittel der in Bayern entstandenen Sturm- und Hagelschäden. Liegt das daran, dass wir hier so sturmfest und erdverwachsen sind wie unsere Nachbarn im niedersächsischen Umland?
Küste als Risikogebiet
Nur, weil weniger Schäden entstanden sind, ist das Risiko dafür aber nicht geringer. „Küstenregionen wie Bremerhaven weisen aus versicherungstechnischer Sicht ein erhöhtes Gefährdungspotenzial auf“, erklärt Björn Frebe, Versicherungsexperte der Bremerhavener Grotelüschen und Weber AG. Dazu zählt er zum Beispiel Sturmschäden an Dächern, Fassaden, Photovoltaikanlagen und Nebengebäuden. Auch das Risiko für Überflutungen ist hier überdurchschnittlich hoch – allerdings eher durch Starkregen als durch Sturmfluten. Faktoren wie niedrige Lagen, dicht bebaute Gebiete oder Rückstau in Entwässerungssystemen wirken darauf ein.
All das wirkt sich auf die Kosten für eine Elementarschäden-Versicherung aus. „Versicherer kalkulieren nach dem Grundprinzip: höheres Schadenrisiko führt zu höheren Versicherungsprämien“, erläutert Björn Frebe. Prämien können deshalb bis zu 200 Prozent höher ausfallen als in weniger gefährdeten Gebieten. Und die Versicherungsstatistik zeige, dass insbesondere Starkregen in Deutschland an Häufigkeit und Intensität zunehme.
Eine Ursache dafür sind Veränderungen des Klimas. Das EU-Institut Copernicus stellt in seinem Bericht aus dem vergangenen Jahr fest, dass sich die Erwärmung der Weltmeere beschleunigt. In den vergangenen drei Jahren wurden jeweils neue Rekordtemperaturen im Wasser gemessen. Dazu kommt die allgemein steigende Temperatur der Luft. Wärmeres Wasser und wärmere Luft enthalten mehr Energie, die sich stärker entladen kann – zum Beispielin heftigen Stürmen. Höhere Temperaturen sorgen für mehr Verdunstung und damit mehr Niederschlag. Der aktuelle und künftige Anstieg des Meeresspiegels verschärft das Problem zusätzlich
Steigender Meeresspiegel
Allerdings ist das keine wissenschaftliche Grundlage für Horrorszenarien von überfluteten und nicht mehr bewohnbaren Küstenregionen in Deutschland. Die Bundesländer Bremen und Niedersachsen setzen gemeinsam einen Generalplan zum Küstenschutz um. Er umfasst alle nach bisherigen Kenntnissen nötigen Maßnahmen, um unsere Küsten bis ins Jahr 2100 zu sichern. Erstellt wurde der aktuelle Generalplan Küstenschutz aber bereits 2007: „Dieser wird derzeit gemeinsam mit dem Land Niedersachsen umfassend überarbeitet und neu aufgestellt“, berichtet Ina Schulze, Pressesprecherin der Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft in Bremen. Neuere wissenschaftliche Erenntnisse wie der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2019 sollen mit einfließen. „Demnach ist mit einem deutlich stärkeren Meeresspiegel zu rechnen, als noch im bisherigen General- plan aus dem Jahr 2007 angenommen“, so Ina Schulze weiter.
8,4 Meter über Normalnull beträgt derzeit die Sollhöhe für die Deiche in Bremerhaven. Für den Ausbau entlang der rund 22 Kilometer langen Hochwasserlinie ist der Hafenbetreiber bremenports zuständig. In den vergangenen Jahren sind bereits die meisten Deiche auf diesen Stand gebracht worden. An einem Teil des Mittleren Seedeichs beim ehemaligen Flughafen Lunesiel wird derzeit noch gearbeitet. Der Deich entlang der Luneplate muss künftig wohl auch angepasst werden.
Neues Sperrwerk geplant
Der letzte Baustein des Hochwasserschutzes in Bremerhaven ist das Geestesperrwerk. Schon seit 2009 wird ein Neubaugeplant, da die Fluttore unter der Kennedybrücke nicht mehr hoch genug für die aktuellen Anforderungen sind. Das neue, höhere Sperrwerk soll ein gutes Stück weiter in Richtung Weser stehen, kurz vor dem Anleger für die Weserfähre. Außerdem wird der Geestevorhafen nach den neuen Richtlinien ausgebaut. 2027 könnte Bau- beginn für das rund 100 Millionen Euro teure Projekt sein.
Womöglich müssen unsere Deiche aber in einigen Jahren weiter erhöht werden: Rund einen Meter höher könnte der Meeresspiegel laut Sonderbericht des Weltklimarats IPCC bis 2100 steigen. Frühere Prognosen – wie die für den Generalplan Küstenschutz von 2007 – waren nur von etwa einem halben Meter ausgegangen.

