#teamspirit: Wenn die „Alexander von Humboldt II” den Hafen verlässt, bleibt der Alltag an Land zurück. Dann zählen Wind, Wetter – und die Menschen an Bord. Auf engem Raum entsteht aus Fremden eine Crew, aus Jugendlichen werden Verantwortungsträger. Für unsere Rubrik #teamspirit spricht Uwe Lammers, Vorstand der Deutschen Stiftung Sail Training, über Führung, Zusammenhalt, warum ein Segelschiff manchmal der bessere Klassenraum ist – und weshalb dieser Teamgeist so gut zu Bremerhaven passt.
Herr Lammers, wie kamen Sie eigentlich zur „Alexander von Humboldt II“?
Als ich vom damaligen Vorstand gefragt wurde, ob ich mitmachen wollte, hatte ich ohnehin vor, mich stärker für Bremerhaven zu engagieren. Die „Alex“ ist eine Markenbotschafterin der Stadt, und ich habe selbst eine maritime Vergangenheit: Ich bin studierter Nautiker, bin in meinen ersten Berufsjahren zur See gefahren und habe noch einen Matrosenbrief gemacht. Die Verbindung aus Schiff, Stiftung und Nachwuchsarbeit war für mich eine ideale Aufgabe.
Fahren Sie auch als Crewmitglied auf Törns mit?
Ganz bewusst nicht. Aber nicht, weil ich keine Lust hätte, sondern weil ich gerade stärker an Land gebraucht werde. Aktuell steht eine große Werftzeit an – der „TÜV“ für das Schiff, der alle 15 Jahre fällig ist. Wir rechnen mit Kosten von rund einer Million Euro. Meine Aufgabe ist es, an Land die nötigen Mittel einzuwerben, damit das Schiff weiter zur See fahren kann.
Abenteuer trifft Verantwortung
Wenn man das Schiff sieht, schreit im Kopf alles nach Abenteuer. Ist das auch die Motivation der meisten Trainees? Und sind es überwiegend Jugendliche?
Abenteuer spielt eine Rolle, aber es braucht einen guten Mix. Auch beim Alter – ein Schiff wie die „Alex“ funktioniert nicht nur mit Jugendlichen. Trainees können nach mehreren Ausfahrten und Lehrgängen als Leichtmatrosen in die Stammbesatzung aufgenommen werden. Unser Ziel ist es, junge Menschen an die traditionelle Seefahrt heranzuführen – und das Fahren auf einem Rahsegler erfordert mehr, als die wichtigsten Knoten zu können. Die große Besonderheit an der „Alex II“ ist, dass unsere gesamte Stammcrew aus Freiwilligen besteht. Viele engagieren sich sogar in ihrer Freizeit, nehmen sich zum Beispiel extra Urlaub, um während der Werftzeit noch mit anzupacken. Das zeigt, wie stark die Bindung an das Schiff ist – auch hier in Bremerhaven.
» Jeder Handgriff zählt – man muss sich aufeinander verlassen können. «
An Bord arbeiten Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten. Ab wann wird daraus ein Team?
Das hängt vom Einzelnen ab. Wer sich an die Grundregeln des Bordlebens hält und aktiv mitarbeitet, findet schnell Anschluss. Integrationsprobleme gibt es kaum – und wenn doch, merken die Betroffenen meist selbst, dass es nicht passt. Nach ein oder zwei Wochen an Bord fragen aber viele eher: „Wann kann ich wiederkommen?” Aus Fremden werden hier Freunde.
Man lernt also, sich auf engem Raum auszuhalten und miteinander zu wachsen?
Genau das. Neben der seemännischen Ausbildung vermitteln wir Werte wie Verantwortung, Verlässlichkeit und Rücksichtnahme. Auf See funktioniert nichts allein. Man arbeitet Hand in Hand, übernimmt Verantwortung für andere und lernt echte Kommunikation – ohne Ablenkung. Diese Erfahrungen prägen viele nachhaltig.

Gab es Situationen, in denen der Teamgeist auf die Probe gestellt wurde?
Spätestens bei schlechtem Wetter zeigt sich, wie wichtig Verlässlichkeit ist. Da zählt jeder Handgriff. Gleichzeitig stärken auch positive Erlebnisse den Zusammenhalt: Zum Beispiel, wenn das Schiff an einem warmen Sommerabend in den Sonnenuntergang segelt. Oder bei der Sail, als wir als Führungsschiff von der Parade an unseren Liegeplatz kamen und hunderte Menschen uns zugejubelt haben. Entscheidend ist, dass man gute wie schwierige Momente gemeinsam erlebt und meistert. Ich glaube, dieser Mix ist es auch, der die Leute positiv infiziert.
Viele Trainees sagen, dass sie verändert zurückkehren. Würden Sie sagen, man sticht als Jugendlicher in See und kommt als Erwachsener zurück?
Das würde ich unterschreiben – vorausgesetzt, man ist länger als nur einen Tag an Bord. Man wird zum Allrounder, lernt Verantwortung, Selbstständigkeit und praktische Fähigkeiten. Man kann in der Maschine helfen und muss auch mal in die Backschaft oder in der Kombüse mit anfassen. Man erfährt, dass man mit den eigenen Händen etwas schaffen kann. Diese Mischung aus Disziplin, Gemeinschaft und Vielfalt fördert die persönliche Entwicklung enorm.
Was unterscheidet den Teamgeist an Bord vom Arbeitsalltag an Land?
An Bord kann man sich Konflikten nicht entziehen. Man begegnet sich immer wieder und muss lernen, Dinge auszutragen und zu klären. Das fördert Reife und gegenseitige Rücksichtnahme. Die Gemeinschaft reguliert vieles selbst – auf Augenhöhe. Das ist eine besondere Qualität des Bordlebens.
Bekommen Sie Rückmeldungen, wie viele Trainees später eine nautische Laufbahn einschlagen?
Dazu habe ich noch keine belastbaren Zahlen. Wir wollen das aber künftig systematisch erfassen. Klar ist: Nachwuchs wird gebraucht. Deshalb wollen wir junge Menschen gezielt ansprechen – auch über moderne Öffentlichkeitsarbeit und Social Media.
Segel setzen
Die „Alexander von Humboldt II“ ist der zweitgrößte Segler Deutschlands nach der „Gorch Fock“. Der 2011 in Dienst gestellte Dreimaster wird von der Deutschen Stiftung Sail Training betrieben und hat seinen Heimathafen in Bremerhaven. Zur Stammbesatzung gehören rund 25 Frauen und Männer, die alle ehrenamtlich an Bord arbeiten. Ergänzt wird die Crew auf den Törns durch bis zu 52 Trainees, die aktiv in den Bordalltag eingebunden sind. Jährlich absolviert die „Alex II“ mehrere Törns in der Nord- und Ostsee sowie darüber hinaus.
Wie man Trainee werden kann und viele weitere Informationen findest du hier: www.alex-2.de

